19.02.2009 | 11:45:00 | ID: 125 | Ressort: Landwirtschaft | Wissenschaft & Forschung

Deutscher Prinz oder schöner Engländer?

Wädenswil (agrar-PR) - In der Schweiz stossen Experten der Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil ACW und FRUCTUS immer wieder auf die alte Apfelsorte namens «Schöner von Kent». Ein Engländer also? Verschiedene Indizien haben nun den Verdacht erhärtet, dass sich unter diesem Namen heimlich der «Doppelte Prinzenapfel» versteckt – ein Deutscher also! Diese Verwechslung ist fast hun-dert Jahre lang unerkannt geblieben.

Eine deutsche Apfelsorte hat der Schweiz fast hundert Jahre lang als vermeintlicher Engländer eine reiche Ernte beschert. Die Geschichte der Verwechslung der deut-schen Sorte «Doppelter Prinzenapfel» mit der englischen Sorte «Schöner von Kent» haben Fachleute der Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil ACW und FRUCTUS mittels pomologischer Studien nachvollziehen können. Dabei werden Merkmale von Apfelsorten miteinander verglichen, was langjähriges Expertenwissen voraussetzt. Den richtigen Namen einer Sorte zu kennen ist wichtig, weil sämtliche Eigenschaften wie etwa Krankheitsanfälligkeit des Baumes oder Qualität der Früchte damit verbunden sind. Mit diesem Wissen kann die Vielfalt der alten Obstsorten er-halten und für zukünftige Produktion und Züchtung genutzt werden (siehe Kasten).

Vom Expertenstreit zur Verwechslung
1913 entbrannte ein Expertenstreit darüber, ob nun der «Schöne von Kent» gleich-zusetzen sei mit dem «Doppelten Prinzenapfel». Die Experten erkannten früh, dass die beiden Namen zu zwei verschiedenen Sorten gehören. Umso mehr erstaunt es, dass die Schweizerische Obst- und Gartenbau-Zeitung 1915 zur Verwechslung bei-trug: Dort findet sich eine Beschreibung der Sorte «Schöner von Kent» mit einer Farbtafel und einem Schwarzweissfoto (Bilder links und Mitte). Die Früchte auf der Farbtafel scheinen soweit korrekt zu sein. Betrachtet man jedoch das Schwarzweiss-foto, erkennen Fachleute, dass die abgebildete Frucht nicht der «Schöne von Kent» sein kann. Sie ist nicht wie beschrieben «... stets ausgesprochen fünfkantig und kelchseitig stark verjüngt ...», sondern vielmehr walzenförmig wie der «Doppelte Prinzenapfel» in einem deutschen Fachbuch (Bild rechts unten). Auch das Kernhaus machte die Apfelexperten von ACW und FRUCTUS stutzig: Beim Vergleichen der Bilder erkennt man zwei verschiedene Kernhaustypen. 1915 wurden somit in der Schweizerischen Obst- und Gartenbau-Zeitung zwei ver-schiedene Apfelsorten unter dem Namen «Schöner von Kent» vorgestellt. Dies wür-de erklären, weshalb sich in der Schweiz ein deutscher Prinz fast hundert Jahre lang als schöner Engländer ausgeben konnte!

Farbtafel (links) und Schnittbild (Mitte) aus der Schweizerischen Obst- und Gartenbau-Zeitung Nr. 15 von 1915 sollten die Sorte «Schöner von Kent» zeigen. Die Farbtafel stimmt, das Schnittbild in der Mitte ist aber falsch. Abgebildet wurde vermutlich der «Doppelte Prinzenapfel», wie die beiden Refe-renzbilder (rechts) aus dem Buch «Deutschlands Apfelsorten» (Th. Engelbrecht, 1889) zeigen: Oben der «Schöne von Kent», unten der «Doppelte Prinzenapfel».

Rettung alter Obstsorten
Alte Obstsorten werden im Rahmen des Nationalen Aktionsplans zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung pflanzengenetischer Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (NAP) aufgespürt und in verschiedenen Sortensammlungen gepflanzt. Dort werden die Sorten langfristig erhalten und näher beschrieben. Züchter und Produzenten können so diese Vielfalt an Eigenschaften für die Zukunft nutzen.
Viele der in der Schweiz aufgefundenen Obstsorten sind wenig bekannt, ebenso fehlen meist verläss-liche Angaben zur Anbaueignung, Fruchtqualität oder zu möglichen Verwendungszwecken. In den kommenden Jahren sollen diese Lücken geschlossen werden dank des FRUCTUS-Projekts «Be-schreibung von Obstgenressourcen» (BEVOG). Dieses Projekt wird an der Forschungsanstalt Agros-cope Changins-Wädenswil ACW durchgeführt, in Zusammenarbeit mit kantonalen Fachstellen und privaten Organisationen sowie vom Bundesamt für Landwirtschaft BLW finanziell unterstützt. Die gewonnenen Informationen können mithelfen, dass einige der alten Obstsorten eine zweite Chance als Spezialität auf dem Markt oder als Elternsorten in der Züchtung bekommen.
www.cpc-skek.ch -> NAP-Projekte, www.fructus.ch, www.acw.admin.ch


Kontakt / Rückfragen:
David Szalatnay
Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil ACW
Postfach, CH-8820 Wädenswil
Tel.: 044 783 62 87
E-Mail: david.szalatnay@acw.admin.ch
www.acw.admin.ch
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