23.12.2009 | 00:00:00 | ID: 4299 | Ressort: Umwelt | Klima

Entwicklungsländer sind Verlierer von Kopenhagen

Zürich (agrar-PR) - An der Klimakonferenz in Kopenhagen zeigte sich ein grosser Graben zwischen der umweltpolitischen Position von Industrienationen und Entwicklungsländern. Dass die Konferenz unverbindlich endete, liege auch daran, dass der Verhandlungsspielraum von Entwicklungsländern aufgrund von innenpolitischen Verpflichtungen von Beginn an gering war, sagt Rolf Kappel.

Herr Kappel, ist die unverbindliche Abschlusserklärung der Klimakonferenz in Kopenhagen für Entwicklungsländer ein Erfolg oder eine Niederlage?
Man muss klar unterscheiden zwischen Schwellenländern und Entwicklungsländern. Länder wie China, Brasilien und Indien sind wirtschaftlich und technisch schon viel weiter fortgeschritten als klassische Entwicklungsländer. Es ist den Industrienationen nicht gelungen, die Schwellenländer mit Verpflichtungen zu Emissionsbegrenzungen an Bord zu holen. Diese Länder haben sich mit ihrer Verweigerungshaltung gegenüber verbindlichen Zielen durchgesetzt, insofern waren sie erfolgreich.

Wie steht es mit den klassischen Entwicklungsländern, also vor allem den afrikanischen Staaten unterhalb der Sahara?

Sie sind die grossen Verlierer der Konferenz. Forscher gehen davon aus, dass sich negative Folgen des Klimawandels dort am schwersten offenbaren werden. Gleichzeitig tragen diese Länder sehr wenig zu den globalen Treibhausgas-Emissionen bei. In solchen Gebieten müssten also dringend Massnahmen für die Anpassung an den Klimawandel vollzogen werden.

130 Entwicklungs- und Schwellenländer haben sich in der Gruppe der G77 zusammengeschlossen, um an der Konferenz für gemeinsame Forderungen einzustehen. Wieso haben Entwicklungsländer in den Verhandlungen gemeinsame Sache mit den Schwellenländern gemacht; verfolgen sie nicht sehr unterschiedliche Ziele?

Die Schwellenländer haben von Beginn an sehr hohe Forderungen an die Industrienationen gestellt. Die chinesische Delegation, die als Sprecher der G77 wirkte, forderte, dass die Industrienationen für den Klimaschutz jährlich ein Prozent ihres Sozialprodukts, also rund 400 Milliarden Dollar, an die Entwicklungsländer zahlen. Diese enorme Summe hat bei vielen sehr armen Entwicklungsländern Hoffnungen geweckt, die Situation in ihren Ländern über Klimazahlungen verbessern zu können. Sie sahen die Chance, ihr Gewicht in Kopenhagen durch Solidarität mit China und den restlichen Schwellenländern deutlich zu erhöhen. Für China wiederum war die eigene Position einfacher durchzusetzen, indem die Delegation nicht nur für das eigene Land, sondern für 130 Staaten sprach. Ein kluger Schachzug.

Der Vorsitzende der G77, der Sudaner Lumumba Di-Aping, forderte in Kopenhagen mehrmals von den Industrienationen zu ihrer «historischen Schuld» für die bereits emittierten Treibhausgase einzustehen. Inwiefern haben die Industrieländer eine moralische Verpflichtung?

Die moralische Verpflichtung wird anerkannt, ist aber rechtlich gesehen problematisch. Der Grossteil der Treibhausgase wurde zu einer Zeit emittiert, als noch niemand über die tatsächlichen Folgen der Emissionen Bescheid wusste. Man kann jemanden nicht für etwas haftbar machen, für das es zur Zeit der Tat noch keine Verbote gab. Heute muss man aber bedenken, dass bereits mehr als die Hälfte der weltweiten Treibhausgasemissionen von Schwellen- und Entwicklungsländern stammt.

Die Industriestaaten wären bereit gewesen einen Teil dieser «Schuld» in Form eines Klimafonds für Entwicklungsländer zu tragen, unter der Voraussetzung, dass sich die Schwellenländer zu CO2-Reduktionszielen verpflichten. Weshalb lenkten sie trotzdem nicht ein?

Hinter der starren Front stecken natürlich auch knallharte realpolitische Überlegungen. Hätten Chinas Verhandler zu grosse Zugeständnisse zulasten der wirtschaftlichen Wohlfahrt ihres Landes gemacht, so wäre die Regierung im eigenen Land unter Beschuss geraten. Solche Zusagen können eine Regierung den Kopf kosten.

Die Staaten der G77 machten CO2-Reduktionsverpflichtungen sehr stark von der finanziellen Unterstützung des Westens abhängig. Haben Sie kein eigenes Interesse an einem intakten Klima?

Man muss beachten: In Industrienationen wird die Dekarbonisierung mittlerweile auch als Chance für die wirtschaftliche Wertschöpfung gesehen. Besonders für die Entwicklungsländer sind Emissionsbegrenzungen und Anpassungen an den Klimawandel in erster Linie mit Investitionen verbunden, für die Technologien und Kapitalgüter importiert werden müssen. Für wirtschaftlich starke Staaten ist es zudem wesentlich einfacher, ihren Klimaverpflichtungen nachzukommen, als für Staaten, die noch immer gegen existenzielle Probleme wie Armut und Hunger kämpfen.

Führt Wohlstand also automatisch zu einer höheren Bereitschaft zum Umweltschutz beizutragen?

Ja, wir wissen aus der Umwelt- und Ressourcenpolitik, dass es zwei Motive für Änderungen im Verhalten gibt. Erstens, wenn die natürlichen Ressourcen dermassen knapp werden, dass es uns «ans Lebendige geht». Zweitens: Je höher das wirtschaftliche Wohlfahrtsniveau, desto höher ist auch die Bereitschaft, für eine intakte Umwelt und natürliche Ressourcen zu bezahlen. Wir sollten deshalb ein Interesse daran haben, dass Schwellen- und Entwicklungsländer trotz Massnahmen zur Reduktion der Treibhausgase wirtschaftlich weiter wachsen können. Wenn wir warten, bis uns das Wasser am Hals steht, ist es im Fall des Klimawandels bereits zu spät.

Rolf Kappel ist Professor für Probleme der Entwicklungsländer an der ETH Zürich und Leiter des Nachdiplomstudiums für Entwicklungsländer (NADEL).
 
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