29.03.2022 | 11:48:00 | ID: 32710 | Ressort: Umwelt | Wissenschaft & Forschung

NABU-Studie: Kaum Rückzugsräume für Insekten in der Agrarlandschaft

Berlin (agrar-PR) - Erstmalige Auswertung von Geodaten zu Ackerflächen - Krüger: Netz von Landschaftselementen & Pestizidreduktion notwendig
Warum nimmt die Vielfalt von Insekten sogar in Schutzgebieten ab? Gründe hierfür beleuchtet eine wissenschaftliche Studie im Rahmen des NABU-Forschungsprojektes DINA (Diversität von Insekten in Naturschutz-Arealen): Auf einer Länge von mehr als 11.000 km grenzen Naturschutzgebiete direkt an Ackerflächen, bei den EU-rechtlich geschützten "Fauna-Flora-Habitat (FFH)"-Gebieten sind es sogar 21.100 km - eine Strecke länger als die Luftlinie zwischen Nord- und Südpol, erklärt Lisa Eichler vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR). Weil die gut 4.500 deutschen FFH-Gebiete meist sehr kleinräumig ausgewiesen wurden, ergeben sich viele Grenzbereiche zu intensiv genutzten Flächen. Über diese können je nach Bewirtschaftungsform Düngemittel und Pestizide in die Schutzgebiete eingetragen werden - wenn diese nicht sogar in den Gebieten selbst ausgebracht werden.

Laut NABU macht die Studie deutlich: Schutzgebiete in Deutschland sind nicht nur zu klein, sie sind auch kaum miteinander verbunden. Für viele Arten bilden intensiv genutzte Ackerflächen schwer zu überwindende Barrieren. Der für das Überleben der Bestände wichtige genetische Austausch von Individuen findet so immer weniger statt. Damit sind - auch bedrohte - Arten von Insekten, Schnecken und Reptilien und die Pflanzenwelt in diesen Gebieten isoliert.

NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger: "Die Ergebnisse der Studie zeigen den Handlungsbedarf klar auf: Um die geschädigte Artenvielfalt wiederherzustellen, benötigen wir ausreichend große Schutzgebiete, in denen die Nutzung und Naturschutz aufeinander abgestimmt sind. Zweitens müssen wir die Gebiete durch ein Netz von nicht-bewirtschafteten Landschaftselementen wie Hecken und Brachen verbinden. Und drittens muss die Belastung durch Pflanzenschutzmittel in der gesamten Landschaft mindestens halbiert werden, wie es auch der EU-Green-Deal vorsieht."

Darüber hinaus sei auch die Umsetzung des sogenannten Refugialflächenansatzes von großer Bedeutung. Demnach dürfen biodiversitätsschädigende Pestizide nur dann auf einer Fläche eingesetzt werden, wenn zusätzlich dazu eine Rückzugsfläche für Insekten vorhanden ist.

"Die bisherigen Maßnahmen des Insektenschutzpakets und der EU-Agrarpolitik sind nicht ausreichend", so Dr. Verena Riedl, Referentin für Biodiversität und Ökotoxikologie im NABU. "Um eine wirkliche Trendumkehr beim Insektenschwund und für die Artenvielfalt zu erreichen, brauchen wir eine attraktive Honorierung für landwirtschaftliche Betriebe, die pestizidfreie Rückzugsräume schaffen. Hierfür muss der aktuelle von der EU-Kommission geprüfte GAP-Umsetzungsplan Deutschlands nachgebessert und mehr Fördermittel in Ökoregelungen und Agrarumweltmaßnahmen umgeschichtet werden"

Hintergrund: Die Studie und das NABU-Forschungsprojekt DINA

Die Untersuchung wurde vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) und dem Entomologischen Verein Krefeld (EVK) durchgeführt. Datengrundlage für die Identifikation von Ackerflächen bildete das Digitale Landbedeckungsmodell 2018 (LBM-DE) vom Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG). Untersucht wurden nicht nur Äcker an den Schutzgebietsgrenzen, sondern auch innerhalb der Schutzgebiete. Demnach liegen mehr als 440 km² der Ackerfläche in Deutschland in Naturschutzgebieten selbst, fast 1300 km² in FFH-Gebieten. Die Ackerfläche in der zwei Kilometer breiten Pufferzone um und in den Naturschutzgebieten selbst entspricht einem Anteil von knapp 32 Prozent der Gesamtackerfläche in Deutschland.

Die wissenschaftliche Studie fand im Rahmen des NABU-Forschungsprojektes DINA (Diversität von Insekten in Naturschutz-Arealen) statt, das vom NABU wissenschaftlich geleitet wird. Neben dem IÖR und EVK gehören fünf weitere Hochschulen und Forschungsinstitute zum Projektverbund. Gefördert wird DINA durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der FONA-Strategie (Forschung für nachhaltige Entwicklung).

Link zur Studie: https://doi.org/10.1399/NuL.2022.04.03

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