15.12.2021 | 13:45:00 | ID: 31809 | Ressort: Landwirtschaft | Agrarpolitik

Vorschlag der EU-Kommission zu nachhaltigen Kohlenstoffkreisläufen: Zu viel Technik, zu wenig Anpassung!

Worum es geht: Das Europäische Klimagesetz verlangt Klimaneutralität bis 2050. Das bedeutet, dass sich die Emissionen und der Abbau von Treibhausgasen (THG) innerhalb der Europäischen Union bis spätestens 2050 ausgleichen sollen. Dafür soll, laut Kommissionsmitteilung, auch Kohlenstoff (C) aus dem Kreislauf entnommen und festgelegt werden. Die EU-Kommission strebt an, dies sowohl durch naturbasierte (nature based) als auch industrielle Techniken zu erreichen, letztendlich scheint aber mehr Gewicht auf den technischen Lösungen zu liegen, als auf ökosystem-angepassten (ecosystem based) Lösungen. Zur heute vorgestellten Mitteilung der EU-Kommission zu nachhaltigen Kohlenstoffkreisläufen (Sustainable Carbon Cycles), erklärt Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:
„Die Ziele für den Klimaschutz sind eine große Herausforderung. Ich begrüße, dass die Kommission den Moorschutz an prominenter Stelle nennt und das Potential naturbasierter Techniken, wie Aufforstung, nachhaltige Waldbewirtschaftung, Agroforstwirtschaft und Verwendung von Zwischenfrüchten für ein klimafreundliches humusaufbauendes Management von Forst- und Agrarsystemen anerkennt. Was sich die Kommission von konservierender Bodenbearbeitung in diesem Zusammenhang erhofft, bleibt allerdings schleierhaft, denn seit Jahren ist bekannt, dass diese keinen Humusaufbau mit sich bringt und sogar zu vermehrten Lachgasemissionen führen kann.

Insgesamt bleibt die Vision der Kommission zur Klimaneutralität jedoch in zu eng gefassten Konzepten und zu großen Erwartungen an technologische Lösungspotentiale hängen. Hier ist zum einen der verengte Fokus und Förderzuschnitt auf das sogenannte „carbon farming“ im landwirtschaftlichen Bereich zu kritisieren, obwohl auch der Kommission bekannt ist, dass dieses Konzept nur eine geringe Klimarelevanz hat, im Vergleich zu einem Verzicht auf den klimaschädlichen Mineraldünger oder zum Abbau der Tierzahlen. Auch die Schwächen dieses Konzeptes sind der Kommission durchaus bewusst, wie man in ihrer Carbon Farming Initiative nachlesen kann: Humusaufbau in ackerbaulich genutzten Böden ist nur sehr langsam möglich, ist über die Zeit abnehmend und ist reversibel. Ökonomische und rechtliche Fragen von sogenannten CO2 Zertifikaten sind nicht geklärt und Betriebe, die schon lange humusaufbauend arbeiten (wie zB. Biobetriebe), können zuvor erfolgte Leistungen nicht angemessen vergütet bekommen, d.h. wer lange gewartet hat, mit nachhaltiger Humuswirtschaft, wird dafür jetzt belohnt.

Der zweite äußerst kritische Aspekt der Mitteilung ist die aus meiner Sicht deutlich zu positive Einschätzung der Potentiale der Bioökonomie, die die fossile Ökonomie ersetzen soll.  Hier stellt sich ganz massiv die Flächenfrage. In den meisten Modellen zur Bioökonomie werden nämlich die begrenzten Flächenpotentiale nicht berücksichtigt, so dass der Planet mehrmals verplant wird (siehe Ausführungen vom UBA).

Aufgrund der faktisch existierenden Flächenknappheit, erzeugt die Forcierung der Bioökonomie einen größeren Nutzungsdruck auf die land- und forstwirtschaftlichen Ökosysteme, deren Nutzung seitens der Wissenschaft in den letzten Jahren schon mehrfach als zu intensiv eingestuft wurde.

Um einen solchen zusätzlichen Druck zu vermeiden, bedürfte es einer klaren Zielangabe zu einer Konsumreduktion (Suffizienz). Diese fehlt aber in allen aktuellen Strategien der Kommission.

Die angepeilten Ziele beinhalten daher die Gefahr einer weiteren Intensivierung der Nutzung, statt einer Entlastung der Ökosysteme. Das wäre fatal für die europäischen Ziele beim Arten-, Wasser- und Bodenschutz.

Der dritte kritische Punkt aus meiner Sicht ist die Proklamation des sogenannten Geoengineering zur Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre. Das Umweltbundesamt warnt in einer Analyse von 2011 zum Geoengineering vor unkalkulierbaren Risiken. Auch wenn es Sinn machen kann, die mögliche Speicherung von CO2 im Grundgestein weiterhin zu untersuchen, ist solcherlei Großtechnik mit äußerster Vorsicht zu behandeln und mit konsequent dem Vorsorgeprinzip verpflichteter Risikoforschung zu begleiten. Keinesfalls sollte man die Klimaverträglichkeit unseres Wirtschaftssystems von solchen Großtechniken abhängig machen.

Was wir brauchen ist nicht der Ersatz unseres klimaschädlichen fossilen Konsummodells durch ein biobasiertes mit End-of-Pipe-Lösungen, was wir brauchen ist eine Entwicklung hin zu einem Wirtschaften, das an die planetaren Grenzen angepasst ist – und das gilt nicht nur für das Klima.“

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Die Grünen/EFA im Europäischen Parlament
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